YEAR OF THE BOG

Visual by Cooper Lovano.

A bog (engl., Subst.) – das Moor
Das Moor ist ein Feuchtgebiet und wird in der Bodenkunde als organischer Boden erfasst. Durch niederschlagsreiches Wetter und hohe Luftfeuchtigkeit entsteht ganzjährig ein sauerstoff- und nährstoffarmes Feuchtbiotop mit Torfablagerungen, welches die Grundlage charakteristischer Lebensformen bildet. 

Dieses Jahr sitzt das das Bedürfnis tief, noch tiefer in die feuchte Erde zu kriechen. In einer berührungslosen Zeit, in der wir uns hinter Bildschirmen vergraben wiederfinden und uns von unserem Inneren und dem Elementaren distanzieren, widmet COVEN BERLIN der Moorlandschaft ein ganzes Jahr (THE YEAR OF THE BOG). Denken wir hier an das Berliner Feuchtgebiet, bevor es bewirtschaftet und trockengelegt wurde, ja bevor jemand überhaupt mit dem Gedanken spielte, eine Hauptstadt auf einem schlammigen Boden zu bauen. Wir wollen unsere Gesichter in die verbliebenen feuchten Senken drücken, wie in die Moorlandschaft des Hundekehlefenns oder die Erlenbruchwälder des Müggelsees. Wir wollen uns mit denen verbinden, die im Moor leben, die im feuchten Schlick ihre Vorräte an Moorbutter lagern und durch das Verbrennen ihres Torfs einen süßlich duftenden Rauch verbreiten. Weit über den Schlamm unter unseren Füßen leben wir in einem Moor des Internets – jenem Ort, der uns Treibstoff liefert, die Vergangenheit aufbewahrt, wo rätselhafte Dinge gelagert und in der Nässe unerwartete Begegnungen geknüpft werden – die virtuelle Welt der Zusammenkünfte ohne offensichtlichen Ausgang, ein Netzwerk an Unterstützung, welches sich in der ständigen Reibung mit einer unwirtlichen Welt wiederfindet.

Und so versinken wir in einem CYBERBOG, einer virtuellen Moorlandschaft. Wir laden eine sich ständig verändernde Suppe aus multimedialen Inhalten hoch und schauen zu, wie sie gärt. Unser Online-Magazin ist offen für stinkende Post. Wir werden das ganze Jahr über Events veranstalten, bei denen – aus Gründen der Zugänglichkeit und Sicherheit sowie unserer eigenen Neugier – Formate des Digitalen und des echten Lebens miteinander verschmelzen werden. Wir wollen das Unmenschliche anthropomorphisieren, es vermenschlichen: die seltsamen Kreaturen, die im Feuchten aufblühen, wie krause Orchideen, Torfmoos, Mistkäfer und fleischfressende Pflanzen. Oder vielleicht wollen wir uns selbst einfach ent-anthropomorphisieren.

Im Vergleich zu fließenden Gewässern stagniert das Moor und ist zähflüssig, fast schon zurückhaltend. Während das Fließende die totale Auflösung und die unendlichen Möglichkeiten aufzeigt, lenkt die Zähflüssigkeit die Aufmerksamkeit auf Orte des Widerstands und der Gegenwehr. Das Moor stellt eine Art Membran zwischen Wald Feuchtgebiet dar – ein Übergangsbereich, ein Antreffen zwischen lebender und toter Materie mit offenem Ausgang. Moorlandschaften sind queere Ökosysteme. Ihre kühle und feuchte Umgebung bewahrt viele Zukünfte unter einer einzigen Schleimschicht auf, ohne die Annahme eines einwandfreien, harmonischen Zusammenspiels.

Weil sie oft klein und widerlich sind, ihre Grenzen verschwimmen und sie nicht dem traditionellen Verständnis von Fruchtbarkeit entsprechen, wurde die Rolle der Moorgebiete im Ökosystem lange als bedeutungslos angesehen. Sie sind Gärgruben für die Rückstände der Erde, einschließlich giftiger Abwässer aus kapitalistischer Extraktion und Urbanisierung. Die Fähigkeit zur Konservierung und zum Absetzen wird als weniger wertvoll erachtet als Wachstum und Produktion. So werden sie verschmäht. Doch sie überstehen es selbst wenn man sie zupflastert, und um einen Pilz in einem Tumblr-Meme zu zitieren: “Du kannst mich auf keine Weise töten, die zählt.” Ihr Stoffwechsel verändert sich über Tausende von Jahren – eine unvorstellbare Zeitlichkeit, die die menschliche Geschichte in einem einzigen Blubb verschluckt. Das Moor “nimmt sich Zeit” für uns, es lässt uns Zeit füreinander nehmen.

Unser Moorgebiet ist eine Ode an die Zukunft. An eine Zukunft, die eine Vielfalt an Leben und Lebensgeist enthalten kann, und das ohne bestimmte Bedingungen erfüllt zu haben: ohne Voraussetzung, ohne Sinn oder Logik, besonders in nasskalten Zeiten. Greif danach. Greif hinein. Versink mit uns. Ein ganzes Jahr lang.

THIS IS THE YEAR OF THE BOG.


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